Die Grenzen der Reformen – Paul Mattick

Einleitung von der Soligruppe für Gefangene,

zu unseren kommenden Text – KEIN ANARCHISTISCHES PROGRAMM, Eine Kritik ananarchistischemIdealismus, Ideologien und Reformismus – setzen wir fort mit der Reihe an Texten, alles Übersetzungen, die sich mit der Thematik des Reformismus auseinandersetzen, aber nicht nur.

Dieses Mal mit einer Übersetzung aus einem Buch von Paul Mattick, Marxism. Last Refuge of the Bourgeoisie?, welches unseren Wissen nach, noch nie das Licht auf der deutschen Sprache gesehen hat. Wer weiß, vielleicht werden wir irgendwann es angehen dieses Buch zu übersetzten, bis dahin aber sind noch viele andere Sachen zu tun.


Die Grenzen der Reformen – Paul Mattick

Selbst wenn der Kapitalismus nachweislich reformierbar ist, können Reformen seine grundlegenden Lohn- und Profitverhältnisse nicht ändern, ohne sie zu beseitigen. Die Epoche der Reformen ist eine Epoche der spontanen Expansion des Kapitals, die auf einem unverhältnismäßigen, aber gleichzeitigen Anstieg der Löhne und Gewinne beruht. Es ist eine Epoche, in der die Zugeständnisse an die Arbeiterklasse für die Bourgeoisie erträglicher sind als die Erschütterungen des Klassenkampfes, die sonst die kapitalistische Entwicklung begleiten würden. Als Klasse ist die Bourgeoisie nicht für niedrige Löhne und unerträgliche Arbeitsbedingungen, obwohl jeder einzelne Kapitalist, für den die Arbeit ein Produktionskostenfaktor ist, versucht, diese Kosten so weit wie möglich zu senken. Es besteht kein Zweifel, dass die Bourgeoisie eine zufriedene Arbeiterklasse einer unzufriedenen Arbeiterklasse und soziale Stabilität einer Instabilität vorzieht. Sie betrachtet die allgemeine Verbesserung des Lebensstandards als ihre eigene Errungenschaft und als Rechtfertigung für ihre Klassenherrschaft. Seid euch sicher, dass der relative Wohlstand der arbeitenden Bevölkerung nicht zu weit getrieben werden darf, denn ihre absolute Abhängigkeit von ununterbrochener Lohnarbeit muss erhalten bleiben. Aber innerhalb dieser Grenze hat die Bourgeoisie keine subjektiven Neigungen, die Arbeiter auf den minderwertigsten Zustand ihrer Existenz zu reduzieren, selbst wenn dies objektiv durch geeignete Repressionsmaßnahmen möglich wäre. So wie die Neigungen und Handlungen der Arbeiter durch ihre Abhängigkeit von der Lohnarbeit bestimmt werden, sind die der Bourgeoisie in der Notwendigkeit begründet, Profit zu machen und Kapital anzuhäufen, ganz abgesehen von ihren verschiedenen ideologischen und psychologischen Tendenzen.

[Reformen und die Degeneration der Arbeiterbewegung].

Die begrenzten Reformen, die im Rahmen des kapitalistischen Systems möglich sind, sind für die Betroffenen zu gewohnheitsmäßigen Existenzbedingungen geworden und können nicht ohne weiteres rückgängig gemacht werden. Bei einer niedrigen Akkumulationsrate werden sie zu Hindernissen für die Produktion von Profiten, deren Überschneidung in der Tat außergewöhnliche Steigerungen bei der Ausbeutung der Arbeit erfordert. Andererseits werden in Zeiten der Depression auch verschiedene Reformmaßnahmen eingeleitet, allerdings nur, um der Gefahr einer schweren sozialen Katastrophe zu entgegentreten. Sind sie erst einmal eingeführt, neigen sie dazu, sich selbst zu verewigen und müssen durch entsprechend höhere Steigerungen der Produktivität der Arbeit kompensiert werden. Natürlich wird man sich bemühen, zum Teil mit Erfolg, die Errungenschaften der Sozialgesetzgebung und des verbesserten Lebensstandards schrittweise abzubauen, um die notwendige Rentabilität des Kapitals wiederherzustellen. Ein Teil dieser Errungenschaften wird jedoch sowohl in Zeiten der Depression als auch in Zeiten des Wohlstands erhalten bleiben, was mit der Zeit zu einer allgemeinen Verbesserung der Bedingungen für die Arbeiter führen wird.

Die ärmliche Existenz1 der Arbeiter bedeutete, dass es nie einfach war, für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Nur die brutalsten Provokationen der Unternehmer würden sie zum Handeln bewegen, da dies das geringere Übel sei als ein Zustand des unaufhörlichen Elends. Da die Bourgeoisie die Abhängigkeit der Arbeiter vom Tageslohn kannte, reagierte sie auf deren Aufstände mit Aussperrungen als wirksamerem Mittel zur Durchsetzung des Willens der Bosse. Entgangene Gewinne können wiedererlangt werden, entgangener Lohn nicht. Die Bildung von Gewerkschaften und die Anhäufung von Streikgeldern änderte diese Situation jedoch bis zu einem gewissen Grad zugunsten der Arbeiter, auch wenn dies nicht immer ihre bedingte Abneigung nach dem Greifen zur Waffe des Streiks überwinden konnte. Auch bei den Kapitalisten schwand die Bereitschaft, sich den Forderungen ihrer Arbeiter zu widersetzen, mit dem zunehmenden Verlust von Gewinnen auf einem erweiterten, aber ungenutzten Kapital. Bei einer ausreichenden Produktivitätssteigerung könnten sich Zugeständnisse an die Arbeiter als rentabler erweisen als ihre Verweigerung. Die schrittweise Beseitigung des intensiven Wettbewerbs durch Monopolisierung und die allgemeine Zunahme der Organisation der kapitalistischen Produktion führten auch zu einer Regulierung des Arbeitsmarktes. Tarifverhandlungen über Löhne und Arbeitsbedingungen beseitigten bis zu einem gewissen Grad das Element der Spontaneität und Unsicherheit in den Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital. Die sporadische Aggressivität der Arbeiter wich einer geordneteren Konfrontation und einer größeren „Rationalität“ in den Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit. Die gewerkschaftlichen Repräsentanten der Arbeiter wurden zu Managern des Arbeitsmarktes, aber in demselben Sinne, in dem ihre politischen Vertreter im Parlament der bourgeoisen Demokratie ihren entfernteren sozialen Interessen dienten.

Langsam, aber unaufhaltsam entglitt die Kontrolle über die Organisationen der Arbeiterklasse den Händen der Basis und wurde in den Händen der professionellen Arbeiteranführer zentralisiert, deren Macht sich auf eine hierarchisch und bürokratisch organisierte Struktur stützte, die, außer durch die Zerstörung der Organisation selbst, nicht mehr von der Gesamtheit der Mitglieder bestimmt werden konnte. Die Konformität der Arbeiter mit diesem Zustand setzte offensichtlich voraus, dass die Aktivitäten „ihrer“ Organisationen einen greifbaren Nutzen erbrachten, der also mit der wachsenden Macht der Organisationen und ihrer besonderen strukturellen Entwicklung verbunden war. Die zentralisierte Führung bestimmte den Charakter des Klassenkampfes als Kampf um die Löhne und für begrenzte politische Ziele, die innerhalb der Grenzen des Kapitalismus eine gewisse Chance auf Verwirklichung hatten.

[Die Spaltung der Arbeiterklasse: Lohnheterogenität, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit…]

Die unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Kapitalproduktion in den einzelnen Ländern sowie die unterschiedlichen Expansionsraten bestimmter Industrien in jeder Nation spiegelten sich in der Heterogenität der Lohnsätze und Arbeitsbedingungen wider, die die Arbeiterklasse schichteten, indem sie spezifische Interessengruppen förderten und die Interessen der proletarischen Klasse vernachlässigten. Man ging davon aus, dass letztere durch eine sozialistische Politik gelöst werden würden, und dort, wo eine solche Politik noch nicht möglich war – weil die Bourgeoisie sich die politische Sphäre durch ihre vollständige Kontrolle des Staatsapparats bereits vollständig angeeignet hatte, wie in den angelsächsischen Ländern, oder weil autokratische Regime jede Beteiligung auf politischem Gebiet verhinderten, wie in den kapitalistisch unterentwickelten Nationen des Ostens – gab es nur den ökonomischen Kampf. Dies vereinte zwar einige Schichten der Arbeiterklasse, spaltete aber die Klasse selbst, was die Entwicklung des proletarischen Klassenbewusstseins eher behinderte.

Der Bruch der potentiellen Einheit der Arbeiterklasse durch die Lohnunterschiede, sowohl national als auch international, war nicht das Ergebnis einer bewussten Anwendung des alten Prinzips „Teile und herrsche“, um die Herrschaft der bourgeoisen Minderheit zu festigen, sondern das Ergebnis der Angebots- und Nachfragerelationen des Arbeitsmarktes, die durch den Verlauf der gesellschaftlichen Produktion als Kapitalakkumulation bestimmt werden. Die durch diese Tendenz privilegierten Berufe versuchten, ihre Vorrechte durch ihre Monopolisierung aufrechtzuerhalten, indem sie das Angebot an Arbeitskräften in bestimmten Berufen nicht nur zum Nachteil ihrer kapitalistischen Gegner, sondern auch der großen Masse der ungelernten Arbeiter, die unter wettbewerbsfähigeren Bedingungen arbeiten, einschränkten. Die Gewerkschaften, die einst als Instrumente für die Entwicklung des Klassenbewusstseins galten, wurden zu Organisationen, die sich nur noch für ihre speziellen Interessen im Rahmen der kapitalistischen Arbeitsteilung und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt einsetzen. Im Laufe der Zeit wurden die Berufsorganisationen natürlich durch Industriegewerkschaften ersetzt, die eine Reihe von Berufen umfassten und qualifizierte und ungelernte Arbeitskräfte vereinten, aber nur, um die rein wirtschaftlichen Bestrebungen der Gewerkschaftsmitglieder auf einer erweiterten Organisationsbasis zu reproduzieren.

Zusätzlich zu den Lohnunterschieden, die ein allgemeines Merkmal des Systems sind, wurde (und wird) die Lohndiskriminierung von einzelnen Unternehmen und Branchen ausgiebig kultiviert, um die Homogenität ihrer Belegschaft aufzubrechen und ihre Fähigkeit, gemeinsam zu handeln, zu untergraben. Die Diskriminierung kann je nach den Besonderheiten eines bestimmten Arbeitsmarktes auf dem Geschlecht, der Rasse oder der Nationalität beruhen. Hartnäckige Vorurteile im Zusammenhang mit der vorherrschenden Ideologie werden genutzt, um die Solidarität der Arbeiter und damit ihre Verhandlungsmacht zu schwächen.

Im Prinzip ist es klar, dass es für die Kapitalisten keine wesentliche Rolle spielt, welcher Rasse oder Nationalität ihre Arbeitskräfte angehören, solange ihre Qualifikationen und ihre Arbeitsbereitschaft nicht unter den Durchschnitt fallen, aber in der Praxis erzeugt oder verstärkt eine gemischte Belegschaft mit ungleichen oder sogar gleichen Löhnen bereits bestehende rassische oder nationale Gegensätze und schadet dem Wachstum des Klassenbewusstseins. Indem beispielsweise die am besten bezahlten oder am wenigsten schädlichen Arbeitsplätze einer bestimmten Rasse oder Nationalität vorbehalten werden, wird eine Gruppe von Arbeitern dazu angestachelt, zum Nachteil beider gegen eine andere zu kämpfen. Wie der Wettbewerb um Arbeitsplätze im Allgemeinen senkt auch die Diskriminierung die Gesamtlohnrate und erhöht die Rentabilität des Kapitals. Seine Verwendung ist so alt wie der Kapitalismus selbst; die Geschichte der Arbeit ist auch die Geschichte der Konkurrenz und Diskriminierung innerhalb der Arbeiterklasse, die irische Arbeiter von britischen Arbeitern, algerische von französischen, schwarze von weißen, neue Einwanderer von frühen Siedlern und so weiter, fast universal trennt.

Sie ist zwar eine Folge des vorherrschenden bourgeoisen Nationalismus und Rassismus als Reaktion auf die imperialistische Ordnung, betrifft aber die Arbeiterklasse nicht nur ideologisch, sondern auch durch ihre Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Sie stärkt die trennenden gegen die verbindenden Elemente des Klassenkampfes und konterkariert die revolutionären Implikationen des proletarischen Klassenbewusstseins. Damit bringt sie die soziale Schichtung des Kapitalismus in die Arbeiterklasse. Ihre ökonomischen Kämpfe und Organisationen sind darauf ausgerichtet, bestimmten Gruppen von Arbeitern zu dienen, ohne Rücksicht auf allgemeine Klasseninteressen, und die Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital bleiben notwendigerweise im Rahmen der Markt- und Preisbeziehungen.

Das Streben nach Lohnunterschieden ermöglicht einen unterschiedlichen Lebensstandard, und die Arbeiter ziehen es vor, ihren Status in der kapitalistischen Gesellschaft nach letzterem und nicht nach der geleisteten Arbeit zu bewerten. Wenn sie es sich leisten können, wie die Kleinbourgeoisie zu leben, oder dem nahe kommen, fühlen sie sich dieser Klasse eher zugehörig als der eigentlichen Arbeiterklasse. Während die Arbeiterklasse als Ganzes ihrer Klassenposition nur durch die Abschaffung aller Klassen entkommen kann, werden einzelne Arbeiter versuchen, ihrer eigenen Klasse zu entkommen, um in eine andere einzutreten oder den Lebensstil der Mittelklasse zu übernehmen. Ein expandierender Kapitalismus bietet eine gewisse soziale Mobilität nach oben, lässt aber auch Menschen aus der herrschenden oder mittleren Klasse ins Proletariat abtauchen. Aber solche individuellen Bewegungen haben keinen Einfluss auf die soziale Klassenstruktur; sie ermöglichen lediglich die Illusion von Chancengleichheit, die als Argument gegen die Kritik an der unveränderlichen Klassenstruktur der kapitalistischen Produktion dienen kann.

[Die Dynamik der sozialwirtschaftlichen Entwicklung. Kämpfe und die Entwicklung des Klassenbewusstseins].

In wohlhabenden Zeiten und aufgrund der Zunahme von Familien mit mehr als einem Lohnempfänger sind die besser bezahlten Arbeiter in der Lage, einen Teil ihres Einkommens zu sparen und somit Zinsen zu kassieren, so wie sie auch Lohn für ihre Arbeit erhalten. Dadurch entsteht die Illusion einer Verschiebung der Klassendetermination bei der Verteilung des Nationaleinkommens, da die Arbeiter an ihr teilhaben – nicht nur als Lohnempfänger, sondern auch als Empfänger von zinsfreien Mehrwert oder als Aktionäre in Form von Dividenden. Was dies für das Klassenbewusstsein der Begünstigten bedeuten mag, ist gesellschaftlich gesehen völlig unbedeutend und berührt das grundsätzliche Verhältnis zwischen Wert und Mehrwert, Lohn und Gewinn nicht. Es bedeutet lediglich, dass einige Arbeiter eine Erhöhung ihres Einkommens außerhalb des Profits und der Zinsen, die von der Arbeiterklasse als Ganzes produziert werden, erzielen. Dies kann sich zwar auf die Verteilung des Einkommens unter den Arbeitern auswirken und die bereits bestehenden Lohnunterschiede verstärken, hat aber keinen Einfluss auf die soziale Verteilung von Löhnen und Gewinnen, die durch die Ausbeutungsrate und die Kapitalakkumulation repräsentiert wird. Die Profitrate bleibt gleich, auch wenn ein Teil der Profitmasse über die Ersparnisse der Arbeiter an diese weitergegeben werden kann. Die Zahl der von den Arbeitern gehaltenen Aktien ist nicht bekannt, aber wenn man die Zahl der Aktionäre in einem bestimmten Land und die Höhe der Durchschnittslöhne betrachtet, dürfte es sich nur um eine vernachlässigbare Zahl handeln. Die Zinsen auf Ersparnisse als Teil des Gewinns werden eindeutig dadurch ausgeglichen, dass einige Arbeiter sparen, während andere Kredite aufnehmen. Solche Erhöhungen sind von Interesse, aber auch niedrigere Löhne. Angesichts der starken Zunahme der Ratenkäufe ist es wahrscheinlicher, dass im Gesamtbetrag die von einigen Arbeitern erhaltenen Zinsen durch die von anderen Arbeitern gezahlten Zinsen überkompensiert werden.

So wie ihre Klasse in Bezug auf das Einkommen nicht homogen ist, sondern nur in Bezug auf ihre Stellung in den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen, neigen die Lohnarbeiter dazu, ihren unmittelbaren wirtschaftlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den Produktionsverhältnissen selbst, die in einem aufstrebenden Kapitalismus ohnehin ungestört zu sein scheinen. Ihre wirtschaftlichen Interessen beziehen sich natürlich nicht nur auf die Privilegien bestimmter Schichten der Arbeiterklasse, sondern auch auf das allgemeine Bedürfnis der großen Masse der Arbeiter, ihren Lebensstandard zu halten oder zu erhöhen. Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen setzen die Verschärfung der Ausbeutung bzw. die Verringerung des Werts der Arbeitskraft voraus und gewährleisten so die fortgesetzte Reproduktion des Klassenkampfs im Rahmen des Akkumulationsprozesses. Es ist die objektive Möglichkeit des Letzteren, die den wirtschaftlichen Kampf der Arbeiter als Mittel zur Entwicklung eines revolutionären Klassenbewusstseins zunichte macht. Es gibt keinen Beweis dafür, dass die letzten hundert Jahre der Arbeiterkämpfe zu einer Revolutionierung der Arbeiterklasse im Sinne eines wachsenden Willens des Loswerdens des kapitalistischen Systems geführt haben. Die Streikmuster in allen kapitalistischen Ländern variieren mit dem Konjunkturzyklus, d. h. die Zahl der Streiks und die Zahl der daran beteiligten Arbeiter nimmt in Zeiten der Depression ab und steigt mit jedem Aufwärtstrend der Wirtschaftstätigkeit. Es ist die Kapitalakkumulation, nicht das Fehlen von Kapital, die die Militanz der Arbeiter in Bezug auf ihre Lohnkämpfe und ihre Organisationen bestimmt.

Es liegt auf der Hand, dass ein ernsthafter Abwärtstrend in der Ökonomie, der die Gesamtzahl der Arbeiter reduziert, auch die durch Streiks und Aussperrungen verlorene Arbeitszeit reduziert, nicht nur wegen der geringeren Zahl der Arbeiter, sondern auch wegen ihrer größeren Abneigung gegen Streiks trotz der Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen. Auch die Gewerkschaften und Industriegewerkschaften gehen nicht nur wegen der steigenden Arbeitslosigkeit zurück, sondern auch, weil sie weniger oder gar nicht in der Lage sind, den Arbeitern ausreichende Mittel zur Verfügung zu stellen, um ihre Existenz zu sichern. In Zeiten der Depression haben die anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Arbeit und Kapital nicht zu einer politischen Radikalisierung der Arbeiterklasse geführt, sondern zu einem verstärkten Beharren auf besseren Annehmlichkeiten innerhalb des kapitalistischen Systems. Die Arbeitslosen haben ihr „Recht auf Arbeit“ und nicht die Abschaffung der Lohnarbeit gefordert, während die noch Beschäftigten bereit waren, einige Opfer zu bringen, um den kapitalistischen Niedergang aufzuhalten. Die Rhetorik der Existenz bestehender oder neu gegründeter Arbeiterorganisationen ist sicherlich bedrohlicher geworden, aber in ihren konkreten Forderungen, ob realisierbar oder nicht, ging es um einen besser funktionierenden Kapitalismus, nicht um seine Abschaffung.

Außerdem ist jeder Streik entweder eine örtlich begrenzte Angelegenheit, an der sich eine begrenzte Anzahl von Arbeitern beteiligt, oder es handelt sich um einen branchenweiten Kampf, an dem eine große Anzahl von Arbeitern beteiligt ist, der sich über mehrere Orte erstreckt. In beiden Fällen geht es nur um spezielle und zeitlich begrenzte Interessen kleiner Teile der Arbeiterklasse und nur selten um größere Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes. Jeder Streik muss mit einer Niederlage der einen oder anderen Seite oder mit einem für die Gegner akzeptablen Kompromiss enden. In jedem Fall muss sie den kapitalistischen Unternehmen genügend Rentabilität lassen, um zu produzieren und zu expandieren. Streiks, die zum Konkurs der kapitalistischen Unternehmen führen, würden auch die Ziele der Arbeiter vereiteln, die den Fortbestand ihrer Bosse voraussetzen. Die Streikwaffe als solche ist eine reformistische Waffe; sie könnte nur durch ihre Verallgemeinerung und Ausweitung auf die gesamte Gesellschaft zu einem revolutionären Instrument werden. Aus diesem Grund hat die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung den Generalstreik als Hebel zum Umsturz der kapitalistischen Gesellschaft verteidigt, und aus demselben Grund lehnt die reformistische Arbeiterbewegung den Generalstreik ab, indem sie ihn als eine außergewöhnliche und gezielte politische Waffe zur Sicherung ihrer eigenen Existenz bewahrt2. Der einzige wirklich erfolgreiche nationale Generalstreik war vielleicht der, zu dem die deutsche Regierung selbst aufgerufen hatte, um Kapps reaktionären Putsch von 1920 zu verhindern.

Wenn ein Massenstreik nicht zu einem Bürgerkrieg und einem Kampf um die politische Macht wird, wird er früher oder später enden, unabhängig davon, ob die Arbeiter ihre Forderungen durchsetzen oder nicht. Man erwartete natürlich, dass die durch solche Streiks hervorgerufenen kritischen Situationen und die Reaktionen des Kapitals und des Staates darauf zu einer zunehmenden Erkenntnis des unüberwindbaren Antagonismus zwischen Arbeit und Kapital führen würden und damit die Arbeiter immer empfänglicher für die Idee des Sozialismus machen würden. Diese Annahme war nicht unvernünftig, konnte aber durch den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse nicht bestätigt werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Aufregung eines Streiks ein geschärftes Bewusstsein für die gesamte Bedeutung der Klassengesellschaft und ihren ausbeuterischen Charakter mit sich bringt, aber dies allein ändert nichts an der Realität. Die Ausnahmesituation verkommt wieder zur Routine eines jeden Lebens und seiner unmittelbaren Bedürfnisse. Das erwachte Klassenbewusstsein kehrt wieder zu Apathie und Unterwerfung unter die Dinge, wie sie sind, zurück.

[Von den Grenzen der Reformen zur proletarischen Revolution].

Der Klassenkampf betrifft die Bourgeoisie nicht weniger als die Arbeiter und zwingt letztere nicht, ausschließlich die Entwicklung ihres Bewusstseins zu berücksichtigen. Die vorherrschende bourgeoise Ideologie wird neu formuliert und weitgehend verändert werden, um den bemerkenswerten Veränderungen in den Einstellungen und Bestrebungen der Arbeiterklasse entgegenzuwirken. Die anfängliche offene Verachtung der Bourgeoisie für die arbeitende Bevölkerung weicht einer offensichtlichen Sorge um ihr Wohlergehen und einer Wertschätzung ihres Beitrags zur „Qualität des gesellschaftlichen Lebens“. Geringfügige Zugeständnisse werden gemacht, bevor sie der Bourgeoisie durch die unabhängigen Aktionen der Arbeiterklasse aufgezwungen werden. Die Zusammenarbeit wird als vorteilhaft für alle sozialen Klassen und als der Weg zu harmonischen sozialen Beziehungen dargestellt. Der Klassenkampf selbst ist durch die Reformen der herrschenden Klasse und die daraus resultierenden Erwartungen an eine mögliche innere Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft zu einem kapitalistischen Kalkül geworden.

Die wichtigste aller Reformen des Kapitalismus war natürlich das Entstehen der Arbeiterbewegung selbst. Die weitere Ausdehnung des Wahlrechts auf die gesamte erwachsene Bevölkerung sowie die Legalisierung und der Schutz der Gewerkschaftsbewegung integrierten die Arbeiterbewegung in die Marktstruktur und die politischen Institutionen der bourgeoisen Gesellschaft. Die Bewegung war nun Teil des Systems, solange dieses Bestand hatte, koste es, was es wolle, und sie schien nur deshalb Bestand zu haben, weil sie in der Lage war, ihre Klassenwidersprüche durch Reformen abzumildern. Andererseits setzten diese Reformen stabile wirtschaftliche Verhältnisse und eine geordnete Entwicklung voraus, die durch eine verstärkte Organisation erreicht werden sollte, von der die Reformen selbst ein wesentlicher Bestandteil waren. Diese Möglichkeit war von der Marxschen Theorie eindeutig verneint worden; die Rechtfertigung einer konsequenten reformistischen Politik erforderte daher die Aufgabe dieser Theorie.

Die Revisionisten in der Arbeiterbewegung konnten sich davon überzeugen, dass die kapitalistische Wirtschaft im Gegensatz zu Marx keine inhärente Tendenz zum Zusammenbruch hat, während diejenigen, die an der Marxschen Theorie festhielten, auf den objektiven Grenzen des Systems bestanden. In Anbetracht der gegebenen Situation hatten sie jedoch keine andere Wahl, als für wirtschaftliche und politische Reformen zu kämpfen. Sie unterschieden sich von den Revisionisten durch ihre Annahme, dass der Kampf für Reformen aufgrund der objektiven Grenzen des Kapitalismus zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Bedeutungen haben wird. Aus dieser Perspektive war es möglich, den Klassenkampf in den Parlamenten und auf der Straße zu führen, und zwar nicht nur über die politischen Parteien und Gewerkschaften, sondern auch mit den unorganisierten Arbeitern. Die innerhalb der bourgeoisen Demokratie errungene legale Position musste durch die direkten Aktionen der Massen in ihren Lohnkämpfen gestärkt werden, und die parlamentarischen Aktivitäten sollten diese Bemühungen unterstützen. Während dies in Zeiten des Wohlstands keine revolutionären Auswirkungen hätte, wäre es in Krisensituationen, insbesondere in einem untergehenden Kapitalismus, anders. Wenn der Kapitalismus in sich selbst ein Hindernis findet, wird der Kampf um Reformen in einen revolutionären Kampf umschlagen, sobald die Bourgeoisie nicht mehr in der Lage ist, der Arbeiterklasse Zugeständnisse zu machen.

So wie die Kapitalisten (mit wenigen Ausnahmen) keine Ökonomen, sondern Geschäftsleute sind, beschäftigen sich auch die Arbeiter nicht mit der ökonomischen Theorie. Abgesehen von der Frage, ob der Kapitalismus zum Zusammenbruch verurteilt ist oder nicht, müssen sie sich um ihre unmittelbaren Bedürfnisse kümmern, indem sie Lohnkämpfe führen und ihren Lebensstandard verteidigen oder verbessern. Wenn sie vom Niedergang und Zusammenbruch des Kapitalismus überzeugt sind, dann deshalb, weil sie bereits der sozialistischen Ideologie anhängen, auch wenn sie ihre Sichtweise nicht „wissenschaftlich“ belegen können. Es ist in der Tat schwer vorstellbar, dass ein Gesellschaftssystem wie der Kapitalismus lange Bestand haben könnte, es sei denn, man wäre völlig gleichgültig gegenüber den chaotischen Bedingungen der Kapitalproduktion und ihrer totalen Korruption. Diese Gleichgültigkeit ist jedoch nur ein anderer Name für den bourgeoisen Individualismus, der nicht nur eine Ideologie, sondern auch eine Bedingung der Marktbeziehungen als soziale Beziehungen ist. Aber selbst unter ihrem Charme entbindet die Gleichgültigkeit der Arbeiter sie nicht vom Klassenkampf, auch wenn dieser manchmal nur einseitig durch die gewaltsame Unterdrückung aller unabhängigen Aktionen der Arbeiterklasse geführt wird.

Bisher hat der Reformismus nirgendwo zu einer evolutionären Umwandlung des Kapitalismus in ein angenehmeres soziales System geführt, weder zu Revolutionen noch zum Sozialismus. Andererseits kann es politische Revolutionen erfordern, um einige soziale Reformen zu erreichen. In der jüngeren Geschichte gibt es zahlreiche Beispiele für politische Revolutionen, die sich im Umsturz der verachteten Regierungsstruktur einer Nation erschöpften, ohne die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse zu verändern. Solche revolutionären Umwälzungen3 , sofern sie keine bloßen Revolutionen sind, verändern ein diktatorisches Regime mit dem Ziel institutioneller Veränderungen und damit einhergehend ökonomischer Reformen. Politische Revolutionen sind hier die Voraussetzung für reformistische Aktivitäten jeglicher Art und nicht deren Ergebnis. Es handelt sich nicht um sozialistische Revolutionen im Marxschen Sinne, auch wenn sie in erster Linie von den Arbeiterklassen initiiert und durchgeführt werden, sondern um reformistische Aktivitäten mit den direktesten politischen Mitteln.

Die Möglichkeit eines revolutionären Wandels kann nicht in Frage gestellt werden, denn es haben politische Revolutionen stattgefunden, die die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse verändert und die Herrschaft einer Klasse durch die einer anderen ersetzt haben. Die bourgeoisen Revolutionen festigten den Triumph der MIttelklasse und der kapitalistischen Produktionsweise. Eine proletarische Revolution – d.h. eine Revolution zur Beendigung aller Klassenverhältnisse im gesellschaftlichen Produktionsprozess – hat noch nicht stattgefunden, obwohl innerhalb und außerhalb der Struktur der bourgeoisen Politik Anstrengungen in diese Richtung unternommen wurden. Während die Sozialreform ein Ersatz für die soziale Revolution ist und letztere sich in bloße kapitalistische Reformen oder in gar nichts auflösen kann, kann eine proletarische Revolution nur gewinnen oder verlieren. Sie kann sich nicht auf einen Klassenkompromiss stützen, da es ihre Aufgabe ist, alle sozialen Klassenbeziehungen zu beseitigen. Sie wird daher außerhalb der proletarischen Klasse alle Klassen gegen sich aufbringen und keine Verbündeten bei ihren Bemühungen um die Verwirklichung ihrer sozialistischen Ziele finden. Dies ist der besondere Charakter der proletarischen Revolution, der die außergewöhnlichen Schwierigkeiten auf ihrem Weg erklärt.

 

1A.d.Ü., im Originaltext steht hand-to-mouth existence was auch von der Hand in den Mund leben wortwörtlich übersetzt werden kann, aber dies mit Existenz zu verbinden, schien uns zu holprig, deshalb entschieden wir uns für ärmlich, die Fußnote dient der Erklärung dieser kümmerlichen Entscheidung, bzw. Übersetzung.

2In seinem Buch In Place of Fear (New York, 1952, S. 21-23) berichtet Aneurin Bevan, dass der damalige Premierminister David Lloyd George 1919 – als die britischen Gewerkschaften mit einem landesweiten Streik drohten – den Gewerkschaftsführern sagte, sie müssten sich der vollen Konsequenzen einer solchen Aktion bewusst sein, denn „wenn im Staat eine Kraft entsteht, die stärker ist als der Staat selbst, dann muss sie bereit sein, die Funktionen des Staates zu übernehmen oder sich zurückzuziehen und die Autorität des Staates zu akzeptieren“. Von diesem Moment an, so einer der Gewerkschaftsführer, „waren wir geschlagen und wir wussten, dass wir es waren“. Danach, so Bevan weiter, „war der Generalstreik von 1926 wirklich eine Antiklimax. Die Führer von 1926 … hatten die revolutionären Implikationen direkter Aktionen in einem solchen Ausmaß nie ausgearbeitet. Und sie waren auch nicht bestrebt, dies zu tun …. Es war nicht so sehr die Zwangsgewalt des Staates, die den vollen Einsatz der industriellen Macht der Arbeiter zurückhielt…. Die Arbeiter und ihre Führer hielten selbst dann inne, wenn ihre Zwangsgewalt größer war als die des Staates …. Die Möglichkeit, die Macht zu erlangen, reicht nicht aus, wenn der Wille fehlt, sie zu ergreifen, und dieser Wille hängt mit der traditionellen Haltung der Menschen gegenüber den politischen Institutionen zusammen, die Teil ihres historischen Erbes sind“. Das mag so sein, aber in diesem speziellen Fall war es nicht die Haltung der Arbeiter zu ihrem historischen Erbe, sondern lediglich ihre Unterwerfung unter ihre eigenen Organisationen und ihre Führungen, die es ihnen erlaubte, den Generalstreik abzubrechen, aus Angst, dass er zu revolutionären Umwälzungen führen könnte, weil die Regierung scheinbar unnachgiebig entschlossen war, den Streik mit Gewalt zu brechen.

3A.d.Ü., auch hier, wie in der Fußnote Eins, eine Erklärung zu der vorgenommenen Übersetzung, an dieser Stelle verwendet Mattick den Begriff upheavals, was auch als Aufruhr und/oder Erhebung übersetzt werden kann.

This entry was posted in Allgemein, Kritik am Reformismus, Paul Mattick, Texte. Bookmark the permalink.